Bin ich wichtig?

Liebe Leser,

In meiner Eigenschaft als Berufsfeuerwehrmann öffnet sich so manche Tür, die für den „Normalsterblichen“ für immer verschlossen bleibt. Es ist natürlich nicht die Tür gemeint, die ich ab und zu mal aufbreche, wenn Gefahr im Verzug ist, sondern die Tür als Metapher. Also quasi bildlich gesprochen, die Tür die man nicht sieht… ach, lassen wir das. Meine Leser sind intelligent genug, um das zu kapieren. Alle anderen sollten jetzt wieder zurück zum Treffen der anonymen Bildungsfernen gehen.

Zurück zum Thema: Da wir als Feuerwehrbeamte von einem Hungerlohn leben müssen, ergibt sich ein paar Mal im Monat die Möglichkeit für uns, sich durch einen sogenannten Brandsicherheitsdienst etwas dazuzuverdienen. Diese Brandsicherheitsdienste finden in der Oper, im Theater, in der Festhalle, auf Messen und anderen Veranstaltungen statt. Sie sind gesetzlich ab einer bestimmten Veranstaltungsgröße und/oder Brandgefahr vorgeschrieben. Das ist gut, denn das erleichtert es mir, ein paar Rechnungen zu bezahlen. Mal abgesehen davon, beruhigt unsere Anwesenheit das Publikum. Jedenfalls meistens. Es gab da auch diese Frau, die bei meinem Anblick das Theater verlassen hatte, da ihr erst durch meine Anwesenheit bewusst wurde, dass Brandgefahr besteht. Meine Versuche, sie zu beruhigen, dass diese Gefahr nur theoretisch bestand und ich ja schließlich genau zur Verhinderung dieser da wäre, reichte nicht aus, um ihr Nervenkostüm zu besänftigen. Naja, … Psychologen wollen ja auch leben.

Bei diesen Brandsicherheitsdiensten sind wir in aller Regel neben und hinter der Bühne tätig. Und was man da so alles mitbekommt, ist durchaus interessant. Man sieht zum Beispiel so beeindruckende Dinge wie das Fluchtauto von Greg David (Kennt den jemand?) in der Feuerwehrzufahrt oder den immer stocksteifen Max Raabe an sich vorbeitanzen. Man kann Mario Adorf völlig ausgelaugt direkt nach dem Auftritt sehen, die Gitarrensammlung von Bruce Springsteen bewundern oder Mario Barth beim Kicken hinter der Festhalle zugucken und – jetzt kommt’s – man trifft eine Horde von Speichelleckern.

Diese Horde nimmt sich derart wichtig, dass es schmerzt. Man erkennt sie meist daran, dass sie im Namen der Künstler sprechen und wenn sie den Künstler erwähnen, ihn nur beim Vornamen nennen. Da fallen Sätze (immer im Tonfall des Insiders) wie: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass der XY das möchte“, „Ich rede mal mit XY.“ „Ich schau mal was sich machen lässt“ und „Wir hatten das aber mit dem XY anders besprochen“.  Sätze, bei denen man mit den Augen rollt und sich fragt, ob man mal eben schnell kotzen geht.

Diese Menschen sonnen sich im Ruhm anderer derart, dass einem wirklich übel wird. Ist das ein Minderwertigkeitskomplex  oder sind die nur schlecht erzogen? Aber, da sind wir wieder beim Psychologen.

Das Interessante dabei ist, dass die vermeintlichen Stars dann meist völlig entspannt mit der Situation und dem Trubel um sich herum umgehen, ja fast genervt sind von der Aufmerksamkeit. Sie sind das genaue Gegenteil der Speichelleckerarmee. Wenn man wirkliche Stars trifft, sind die meist völlig bodenständig und geradezu erschreckend normal. Aber die Lakeien der bekannten Menschen, sind es, die die Allüren haben … verrückt oder einfach nur peinlich?

Dann gibt es die, die sich wichtig fühlen, es nicht sind aber sich unheimlich aufpielen. Als Beispiel sei genannt, als ich Brandsicherheitsdienst bei einem Spiel der Eintracht im Waldstadion hatte. Unsere Sammelstelle ist direkt neben der Einfahrt für den Mannschaftsbus der Gästemannschaft. Bei der Ankunft des Mannschaftsbusses am Kabinentrakt von Borussia Dortmund hat ein Sanitäter, der in der benachbarten Sanitätsstation Dienst tat, es doch tatsächlich gewagt, die Kamera herauszuholen, um ein Bild von den Spielern zu machen, die gerade den Bus verließen. Sofort kam ein extrem wichtiger Parkwächter auf ihn zu und hat ihn zusammengefaltet. “Keine Fotos”, brüllte der Lauch und riss die Hand vor die Linse und ließ eine Maßregelung für den von ihm gestellten Schwerverbrecher folgen. „Meine Güte“, dachte ich mir. „Hat der Angst, dass die Seelen der Spieler gefangen werden?“ Man hätte das auch freundlich sagen können. Tja, … deshalb ist er ja auch nur Parkwächter, dachte ich mir. Ehrenwert, aber wenig ge-  und beachtet und intellektuell nicht besonders anspruchsvoll. Aber jetzt war er plötzlich für eine Sekunde wichtig. Er beschützte die Mannschaft von Borussia Dortmund vor dem teuflischen Fotografen.

Die Spieler machten mir dann aber nicht den Eindruck, als hätte sie das gestört oder auch nur bemerkt. Und den Klopp, der damals noch Trainer in Dortmund war, hat das schon gar nicht gejuckt. Der hat erstmal den Busfahrer geherzt und ist weiter gegangen.

Aber was genau sind diese vermeintlich wichtigen Leute denn? Eines schon mal nicht: Wichtig! Denn wichtig sind Krankenschwestern, Mütter, Väter, Kindergärtnerinnen, (Freiwillige) Feuerwehrleute, Polizisten, Rettungsdienstler und Ärzte. Denn die leisten ihren Beitrag zur Gesellschaft. Meist unterbezahlt und überarbeitet. So leid es mir tut, wenn Sie nicht einer dieser Gruppen angehören. Aber ich meine ja hier auch nicht die Individuen, die zufällig diesen Beruf gewählt haben, sondern die Gruppen. Und denken Sie mal darüber nach: Wie wichtig sind Sie in ihrem Job wirklich? Definieren Sie sich über ihren Job? Wenn ja, fragen Sie sich ob Sie austauschbar sind, … wie wir alle? Was passiert denn, wenn Sie krank werden? – Genau, dann macht‘s halt ein anderer! Und überhaupt, warum definieren Sie sich über Ihren Job und nicht über Ihr Privatleben?

Klar ist, dass jeder als Mensch individuell wichtig ist. Für sein Umfeld, seine Familie und seine Freunde. Auch dann, wenn er nur als schlechtes Beispiel dient. Aber im Prinzip sind wir alle nur die Summe unserer Taten. Wir haben gute und schlechte Tage. Und als Spezis sind wir allemal überflüssig. Peinlich wird es nur, wenn jemand meint, er wäre in irgendetwas wichtig und ist es eigentlich nicht. Wenn jemand denkt, er erhebt sich über andere – oder noch schlimmer, er erhbet sich durch andere über andere. Denn am Ende geht auch der Papst aufs Klo! Und spätestens da, lässt er die Hosen runter. Vielleicht liest er dort sogar den Playboy.

Was ich nur sagen wollte: An alle, die meinen, weil sie für einen vermeintlichen Wichtigen arbeiten, sie wären etwas Besseres, sei gesagt: Ihr seid austauschbar und erbärmlich. Kommt runter von Eurem Ross und zeigt Demut vor Menschen, die für ihre (vielleicht sogar lebensrettenden) Taten meist noch nicht einmal ein Dankeschön bekommen. Und dann vergleicht.

Also? Wer ist hier wichtig? Ihr sicher nicht…

Bis dahin

Ihne Ihrn

Meddi Müller



Copyright 2019. All rights reserved.

Veröffentlicht12. Juli 2017 von meddi in Kategorie "Blog